"Wasser" Aktuell

Peter Kottlorz, Rottenburg, kath. Kirche

 

Morgengedanke vom Samstag, 18.5. | 6.57 Uhr | SWR4 Baden-Württemberg

 

„Den wahren Geschmack des Wassers erkennt man in der Wüste“

 

„Den wahren Geschmack des Wassers erkennt man in der Wüste“, so eine alte Lebensweisheit aus Israel. Wasser weiß man also erst richtig zu schätzen, wenn man richtig Durst hat. Oder wenn man Geld daraus machen möchte. Wie? Wasser zu Geld machen, wie das denn? Ganz einfach, indem man die Wasserversorgung privatisiert. Indem man das Wasser zur Ware macht. Genau das will die Europäische Union mit der sogenannten „Liberalisierung des Wassermarktes“. Das heißt, die Wasserversorgung soll wegkommen von kommunaler öffentlicher Versorgung und dem freien Markt überlassen werden, sprich: profitorientierten Privatunternehmen und Konzernen.

Wohin das führt können wir in England betrachten. Seit die Thatcher-Regierung vor fast 25 Jahren die Wasserversorgung privatisiert hat, verdienen sich die Konzernmanager eine goldene Nase. Und die Verbraucher zahlen in einem Land, in dem weiß Gott kein Wassermangel herrscht das Doppelte wie hier in Deutschland. Dafür wurde Personal abgebaut, der Service schlechter und weil es den Gewinn reduzieren würde, wurde auch nichts in die Instandhaltung von Leitungen investiert. Und so sickern täglich Milliarden Liter Wasser durch die Lecks maroder Wasserleitungen. Das ist so absurd wie skandalös, dass selbst die konservative Tageszeitung Daily Mail die Privatisierung des Wassers in England so bezeichnet hat: als den größten Akt staatlich lizenzierter Räuberei in der Geschichte Englands. Und nun will die EU genau das europaweit einführen. Der Gerechtigkeit halber sei gesagt welche Gründe die EU für die Privatisierung der Wasserversorgung angibt. Die Auftragsvergaben sollen transparenter sein und die solle Korruption verhindert werden. Na sauber, mit dieser Art von Transparenz kann ich später mal sehen oder auch nicht sehen, wie das Wasser die Dividenden der Aktionäre erhöht und den Direktoren obszön hohe Gehälter beschert.

„Das Erste im Leben sind Wasser und Brot“, heißt es bei Jesus Sirach in der Bibel. Also: Wasser ist keine Ware, sondern ein Grundnahrungsmittel, ein Lebenselixier. Und darum gehört es allen, die es von Gott oder der Natur geschenkt bekommen haben. Oder wollen wir in einer Welt leben, in der wir irgendwann noch Eintritt für einen Spaziergang im Wald bezahlen müssen? Oder für die frische Luft, die wir atmen?

 

Virtuelles Wasser

 

Für eine Tasse Kaffee 140 Liter Wasser. Ist das gerecht?

 

Meine Tasse Kaffee zum Frühstück ist mir besonders wertvoll! Im Lauf des Tages kommen dann noch einige dazu. Aber die beim Frühstück ist mir besonders wertvoll. Bis vor kurzem hätte ich gesagt, die ist mir heilig. Aber dann sind mir ein paar Dinge klar geworden. Z. B.: In der Tasse Kaffee steckt viel mehr Wasser drin, als ich lange Zeit geahnt habe. Weitaus mehr als die eine Tasse, die ich sehen kann: ‚Virtuelles’ Wasser.

 

Virtuell nennt man das Wasser, das für Wachstum und die Produktion nötig ist. Kaffee ist besonders wasserintensiv. Für jede Tasse Bohnenkaffee braucht es virtuell 140 Liter Wasser. 140, weit mehr als in eine Badewanne passt, für jede Tasse Kaffee.

Wobei, ‚virtuell’ ist eigentlich nicht das richtige Wort. Die 140 Liter Wasser werden ja wirklich verbraucht, teilweise auch verschmutzt.

 

Es ist ein langer Weg von der Kaffeepflanze bis auf meinen Frühstückstisch. Zum Wachsen braucht sie erst mal Wasser. Und dann vor allem bei der Verarbeitung: Die Früchte müssen gereinigt werden. Geschält. Damit die Bohnen zum Vorschein kommen. Das ist anscheinend sehr wasserintensiv. Dann der Transport nach Deutschland, Rösterei und schlussendlich auf meinen Tisch. So läppert es sich zusammen. Insgesamt 140 Liter Wasser. http://www.virtuelles-wasser.de/kaffee_tee.html.

Kann ich da noch sagen, die Tasse Kaffee ist mir heilig? Doch eher das Wasser, nicht ‚mein’ Kaffee. Wasser ist kostbar, viel zu kostbar, dass ich selbstverständlich nehmen darf. Wasser ist nicht irgendwas in Gottes Schöpfung. Mit Wasser schenkt er Leben, ganz elementar. Was wichtig und heilig ist, dafür hat man eine besondere Verantwortung, wenn man es gebraucht oder verbraucht.

 

Zu dieser Verantwortung gehört auch die Frage: Ist dieser virtuelle Wasserverbrauch eigentlich gerecht? Das meiste wird ja im Herkunftsland verbraucht, nicht bei uns. Das bedeutet: In jeder Kaffeebohne importieren wir indirekt auch Wasser aus Brasilien, aus Tansania. Na und, könnte man sich trösten. So ist das beim weltweiten Handel. Man nimmt, aber gibt ja auch was dafür. Und Wasser: Gibt es davon nicht genug? Leider nicht für alle Menschen. Viel zu viele Menschen auf der Welt kommen nicht ans gute Wasser. Weil es keines gibt, oder weil es zu teuer ist. Und wenn das daran liegen würde, dass zu viel von uns verbraucht wird?

Wenn einem Wasser heilig ist, dann muss man achtsam gebrauchen und sparsam verbrauchen. Nebenbei: so viel Kaffee soll ja auch nicht gesund sein.

 

Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, evangelische Kirche

Vereinten Nationen erklärten: Wasser sollte als soziales und kulturelles Gut behandelt werden und nicht in erster Linie als ökonomisches Verbrauchsgut.